
Der Gelbe Enzian (Gentiana lutea L.) ist eine bis 140 cm hoch werdende Staude aus der Familie der Enziangewächse (Gentianaceae). Die imposante Pflanzengestalt kann an ihrem natürlichen Standort, den Gebirgen Mitteleuropas, bis 60 Jahre alt werden. Aus einem grossen, oft mehrköpfigen, quergerillten Wurzelstock treibt sie eine bis 1 m lange glatte Wurzel; das Frischgewicht der unterirdischen Teile einer einzigen Pflanze kann bis 7 kg betragen.
Oberirdisch entwickelt sich zunächst nur eine grundständige Rosette elliptischer Blätter. Die kreuzgegenständigen, blaugrünen Blätter sind breit-elliptisch, löffelartig nach innen gewölbt und parallelnervig. Von Juni bis August bilden sich in den schalenförmigen Blattachseln gelbe Blüten — wunderschöne Sterne in 3 bis 7 Etagen, in Scheinquirlen angeordnet. Im nicht blühenden Zustand kann der Enzian mit dem giftigen Weissen Germer (Veratrum album) verwechselt werden — dessen Blätter stehen aber wechselständig, nicht kreuzgegenständig.
Überwindung, Verdauung, Zerteilung
Der Verdauungsprozess und die Verarbeitung von Gefühlseindrücken haben viele Gemeinsamkeiten. Bei beiden müssen die aufgenommenen wesensfremden Substanzen und Energien überwunden und verarbeitet, einverleibt werden. Können bewegende Ereignisse oder Bilder emotional nur schwer verdaut werden, so besteht meist auch eine organische Verdauungsschwäche.
Oft liegen dann Gefühle oder eben Nahrungsmittel schwer auf dem Magen, und es entsteht ein starker Druck in der Magengegend. Enzian besitzt die Wesenskraft, Fremdes zu überwinden und zu zerteilen, und unterstützt dadurch sowohl die körperliche als auch die seelische Verdauung. Enzian hilft insbesondere bei der Eiweissverdauung.
Gelber Enzian
Wenn wir den Namen Enzian hören, denken wir in der Regel an schöne, tiefblaue Blumen, die wie kleine Glocken unsere Alpweiden zieren. Der blaue Enzian ist wohl der Inbegriff der Bergblume. Die Heilpflanze Enzian ist jedoch von ganz anderer Art. Wie schon ihr Name sagt, sind ihre Blüten gelb, und ausserdem ist sie mit einer Grösse von bis zu 1,2 m eine sehr stattliche Pflanze.
Der gelbe Enzian hat bis zu 30 cm lange und 15 cm breite ovale Blätter mit stark hervortretenden Nerven. Die Blätter gleichen jenen des sehr giftigen weissen Germers (Veratrum album), was zu gefährlichen Verwechslungen führen kann. Durch die gegenständige Blattstellung kann der Enzian jedoch leicht vom Germer unterschieden werden, dessen Blätter wechselständig sind. Die oberen Blätter des gelben Enzians sind wie Halbschalen gewölbt.
Zu Beginn umschliessen diese Schalen den Stengel und verbergen in ihrem Innern die Blütenknospen. Wenn sich die Blattschalen öffnen und in die Horizontale legen, geben sie eine grosse Anzahl von Blüten frei. Diese haben eine für die Gattung Enzian völlig untypische Gestalt. Die Kronblätter der anderen Enzianarten sind vom Grund bis weit über die Mitte miteinander verwachsen und bilden dadurch glocken- oder röhrenförmige Blüten.
Die Blüten des gelben Enzians hingegen sind fast bis zum Grund geteilt. Ausserdem sind die Kronblätter schmal und lang, so dass sie im voll aufgeblühten Zustand anders als bei der typischen Enzianblüte als einzelne, abgetrennte Elemente in den Vordergrund treten und wie fünf- bis sechsstrahlige Sterne aussehen. Da der Blütenstand des gelben Enzians ausserdem aus zahlreichen Einzelblüten zusammengesetzt ist, die in verschiedene Richtungen blicken, wirkt er sehr inhomogen, um nicht zu sagen wirr. Wir erkennen deutlich, dass hier ein stark zerteilendes Wesen an der Gestaltung mitgewirkt hat. Die den Stengel umfassenden Blätter mit den Blütenknospen in ihrem Innern können wir als feste Einheit auffassen, in deren Innern – in den Blüten – ein zerteilendes Prinzip wirksam wird.
Die teilende Kraft ist auch an den mächtigen Wurzeln erkennbar. Sie können als vielköpfig bezeichnet werden, wobei die einzelnen Teile sich immer wieder ineinander verschlingen. Die innere Betrachtung des Wesens dieser Pflanze lässt eine Verwandtschaft mit dem Wesen des Rinds erken- nen. Das Rind ist das Tier, dessen Wesen wohl am stärksten auf die Verdauung ausgerichtet ist.
Die Kuh ist tiergewordenes Verdauungsprinzip. Die Gestalt des Rinds ist relativ blockförmig, und im Innern dieses Blocks wirkt die zerteilende Kraft der Verdauung. Der Enzian kann geradezu als ein Wundermittel zur Zerteilung von schwer verdaulichen Kuhmilchprodukten bezeichnet werden, von warmen Zubereitungen aus Käse wie zum Beispiel Pizza, Raclette oder Fondue. Enzian ist wohl die am stärksten wirkende Heilpflanze zur Unterstützung der Verdauung.
Der Gelbe Enzian ist in den Gebirgen Mittel- und Südeuropas heimisch (Alpen, Pyrenäen, Apennin, Balkanhalbinsel) und wächst auf Bergwiesen, Weiden und Kalksteinformationen zwischen 800 und 2500 Metern.
Ceres bezieht Enzianwurzel aus kontrollierter Wildsammlung in der Schweiz.
Seit Jahrhunderten gilt die Wurzel des gelben Enzians, Gentiana lutea L., als bitteres Magen- und Gallemittel, sowie allgemeines Tonikum. Zwischen den Anwendungsempfehlungen traditioneller Kräuterbuchautoren und neuesten wissenschaftlichen Untersuchungen besteht beim Enzian eine auffällig große Übereinstimmung. Der bittere Enzian regt die Speichel-, Magen- und Gallensekretion an. Zu den Anwendungsgebieten gehören somit Verdauungsbeschwerden wie Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Blähungen. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass die Anwendungsmöglichkeiten von bitterstoffhaltigen Heilpflanzen auch über die Verdauungsbeschwerden hinausgehen. Über die Anregung des Appetits kann der Enzian als Bittermittel stärkend nach längeren Erkrankungen oder bei Magersucht angewendet werden. Über die Wahrnehmung von Bitterstoffen über das Verdauungssystem wird zudem auch das zentrale Nervensystem und der gesamte Organismus involviert. So können auch Anwendungen bei depressiver Verstimmung und zur allgemeinen Stärkung begründet sein.
1. Hänsel, R. & Steinegger, E. Hänsel / Sticher Pharmakognosie Phytopharmazie. (Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft GmbH, Stuttgart, Deutschland, 2015).
2. BGA/BfArM (Kommission E). Gentianae radix (Enzianwurzel). Bundesanzeiger 223, (1985).
3. Madaus, G. MADAUS LEHRBUCH DER BIOLOGISCHEN HEILMITTEL BAND 1-11. (mediamed Verlag, Ravensburg, 1990).
4. Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Assessment Report on Gentiana Lutea L., Radix. EMA/HMPC/607863/2017 (2018).
5. BGA/BfArM (Kommission D). Gentiana lutea. Bundesanzeiger 217 a, (1985).
6. Saller, R., Melzer, J., Uehleke, B. & Rostock, M. Phytotherapeutische Bittermittel. Schweizerische Zeitschrift fur GanzheitsMedizin 21, 200–205 (2009).
7. Kalbermatten, R. & Kalbermatten, H. Pflanzliche Urtinkturen. (AT Verlag, Aarau, Schweiz, 2018).
8. Kalbermatten, R. Wesen und Signatur der Heilpflanzen. (AT Verlag, Aarau, Schweiz, 2016).
R. & H. Kalbermatten — «Psyche des Menschen und Signatur der Heilpflanzen»
Frisch geerntet, von Hand verlesen, bei Raumtemperatur vermörsert und über Jahre gereift. Keine Erhitzung, kein Druck — die volle Lebenskraft der Pflanze, bewahrt.
Instagram-Posts benötigen Ihre Zustimmung für Drittanbieter-Inhalte.
Pflanzen, die bei ähnlichen Anwendungsgebieten eingesetzt werden.