Margret Rupprecht · 1. Juni 2023

Gartensalbei ist in erster Linie für seine guten Wirkungen bei Halsentzündungen bekannt. Doch darüber hinaus kann er noch viel mehr und zählt heute zu den wichtigsten Heilmitteln der Phytotherapie für Frauen in den Wechseljahren.
„Der Salbei leuchtet an erster Stelle hervor, lieblich im Geruch, bedeutend an Kraft und nützlich als Trank; hilfreich ist er befunden in den meisten Krankheiten der Menschen und hat es verdient, sich stets einer grünen Jugend zu erfreuen", schreibt der Mönch Walafridus Strabo im 9. Jahrhundert zu Salvia officinalis, dem Gartensalbei. Wie hoch die Pflanze im Mittelalter geschätzt wurde, verrät auch der Satz „Cur moritur homo, cui Salvia crescit in horto? Contra vim mortis non est medicamen in hortis. – Warum stirbt ein Mensch, in dessen Garten der Salbei wächst? Gegen die Macht des Todes gibt es kein Heilmittel in den Gärten." Mit anderen Worten: Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen – nicht einmal der Salbei kann ihn verhindern, obwohl er doch sonst so viel vermag. Man traute Salvia officinalis eine solche Heilkraft zu, dass man ihr den „heilsamsten" aller Namen gab: Die botanische Bezeichnung Salvia leitet sich ab vom lateinischen salvare, was übersetzt „heilen" bedeutet. Daraus hat sich nicht nur der offizielle deutsche Name Salbei entwickelt, sondern auch viele volkstümliche Bezeichnungen wie Selbe, Salbine, Sälvli, Salverer oder Selb. Dem mit salvare verwandten lateinischen Wort salvus – gesund, unversehrt, heil und ganz entspricht im Altgriechischen das Wort holos – ganz. Nach dem Verständnis der alten Ärzte kommt dem Salbei in diesem Sinne die Fähigkeit zu, einen Menschen wieder ganz, also vollständig, zu machen. Der Gesundheitsbegriff ist bei salvus – holos mit dem Ganzheitsbegriff identisch.
Als klassische Mittelmeerpflanze war der Salbei bereits in der hippokratischen Medizin bekannt, wurde also schon im 5. Jahrhundert v. Chr. arzneilich eingesetzt, und zwar bei Durchfall und zur Behandlung der Gebärmutter. Aus der Zeit der sogenannten dunklen Jahrhunderte im ersten Jahrtausend n. Chr. weiß man eher wenig über die Pflanze. Die Väter der Botanik des 16. und 17. Jahrhunderts – die Ärzte Adamus Lonicerus, Hieronymus Bock und Petrus Matthiolus – loben den Salbei dann wieder über alle Maßen und empfehlen ihn, um Husten zu lindern, die Wasserausscheidung anzuregen, die Menstruation zu fördern, Blutungen zu stillen, Wunden zu heilen, Erkältungen sowie Entzündungen von Hals und Kehlkopf zu behandeln und die Zähne zu pflegen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden zum ersten Mal die guten Wirkungen von Salvia officinalis bei Schweißausbrüchen geschildert, vor allem in der Rekonvaleszenz nach akuten Krankheiten. In dieser Zeit wird Salbei auch erstmalig als Mittel zum Abstillen erwähnt, denn er wirkt nicht nur dämpfend und ausgleichend auf Schweißdrüsen, sondern auch auf andere Drüsen, zum Beispiel die Milchdrüsen der weiblichen Brust. Das intensive Aroma des Gartensalbeis, der auf dem Land bis heute gerne von alten Frauen in die Kirchensträuße geflochten wird, findet sich in Namen wie Altweiberschmecken oder Geschmackblätter wieder.
Der aus Südeuropa stammende Halbstrauch, der bis zu einem Meter hoch werden kann, bildet Büsche mit derben, wintergrünen, gestielten Blättern, die länglich geformt und fein gekerbt sind. Die jungen Blätter sind weißgrau-filzig behaart, die Blütenkronen violett und zweilippig. Salbei blüht von Mai bis Juli. Salbeiblätter erhalten ihren charakteristischen Duft und Geschmack von zahlreichen Drüsen, die ätherisches Öl absondern. Der Charakter des Salbeiaromas ist schwer zu beschreiben. Man kann nicht klar sagen, ob es wärmend oder kühlend wirkt. Mit dem Aroma verhält es sich ähnlich wie mit der Wirkung. Es geht in zwei Richtungen: Salbeizubereitungen können Schweißausbrüche und Hitzewallungen dämpfen, bei hoher Dosierung aber auch die Schweißbildung anregen. Die Blätter des Gartensalbeis haben einen außergewöhnlichen Blau-Grün-Ton. Normalerweise ist Blau eine kalte Farbe, doch der graugrünliche Blauschimmer von Salvia officinalis enthält viele warme Komponenten.
Salbei zeigt also in seiner Signatur eine ausgleichende Qualität, die Aspekte zweier unterschiedlicher Pole vereinen kann. Ein neu gebildetes Salbeiblatt entsteht immer oben am Stängel und ist zunächst ganz eingerollt. Später entrollt es sich, bleibt aber halbrohrförmig leicht nach oben geöffnet, wie in einer empfangenden Geste. Die Pflanze besitzt eine wesenhafte Beziehung zu den Organen, die mit Aufnehmen und Empfangen zu tun haben: zum Rachen und zu den weiblichen Geschlechtsorganen. Dazu passen die beiden häufigsten Einsatzgebiete: Halsentzündungen und Hitzewallungen in den Wechseljahren.
Salbei enthält bis zu 2,5 Prozent ätherisches Öl, das vorwiegend aus Monoterpenen besteht und aus Thujon, Campher, Cineol und anderen zusammengesetzt ist. Weiterhin finden sich Sesquiterpene, Labiatengerbstoffe, diterpenoide Bitterstoffe, Flavonoide und Triterpene. Arzneiliche Salbeizubereitungen wirkend antientzündlich und zusammenziehend, ferner hemmend auf das Wachstum von Viren, Bakterien und Pilzen. Äußerlich setzt man den Salbei bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut ein, beispielsweise bei Zahnfleisch-, Mundschleimhaut- und Halsentzündung, und zwar vorwiegend als Gurgelwasser. Ein Tee aus Salbeiblättern wirkt vorzüglich bei Verdauungsstörungen, Blähungen, Darmschleimhautentzündungen und Durchfällen. Hier hat sich seit Hippokrates' Zeiten nichts geändert, wie überhaupt die neuzeitlichen pharmakologischen und klinischen Untersuchungen oftmals bestätigen, was die Erfahrungsmedizin zum Teil schon seit Jahrtausenden weiß.
Innerlich setzt man den Salbei als Antihydrotikum ein, als schweißhemmendes Mittel bei Nachtschweiß nach Infekten, bei Hitzewallungen und Schweißausbrüchen im Klimakterium sowie bei psychosomatisch bedingtem Schwitzen. Salbei hemmt auch das „Schwitzen der Milchdrüse", die Milchsekretion, und ist deshalb beliebter Bestandteil von Tees, die das Abstillen erleichtern.
Eine Mandelentzündung oder Seitenstrang-Angina geht immer mit Schluckbeschwerden einher. Oftmals entwickeln sie sich vor allem dann, wenn ein Mensch unter starkem psychischen Stress steht: Wenn sich die Rachenschleimhaut entzündet, kann man im wörtlichen wie im übertragenen Sinne „nichts mehr schlucken". Man wird zum armen Schlucker, der zuviel am Hals hat: Die Erschöpfung der seelischen Aufnahmefähigkeit somatisiert sich in Form eines entzündeten Rachens. Salbei kann nun die innere und äußere Aufnahmefähigkeit wiederherstellen, indem es die Verweigerung der Annahme bestimmter Dinge vom Hals ins Außen verlagert. Wer Unangenehmes bereits auf der Beziehungs- und Kommunikationsebene abwehren kann und kämpferisch den eigenen Zugang verteidigt, braucht diesen Kampf nicht in seinem Hals auszufechten. Dazu ist ein Bewusstseinsprozess nötig, der von Salbei gefördert wird. Um dieses therapeutische Ziel zu erreichen, braucht nicht nur der entzündete Rachen, sondern auch die überforderte Seele eine Behandlung. Eine ganzheitliche Therapie, welche die äußere Entzündung und das innere Überfordertsein in gleicher Weise zum Abklingen bringt, ist der Einsatz einer phytodynamisch wirksamen Salbei-Urtinktur, bei der nicht nur die pharmakologischen, entzündungshemmenden Substanzen der Pflanze wirksam sind. Auch wirken Wesen und Lebensenergie des Salbeis auf den überforderten Menschen heilsam in dem Sinne, dass der Patient einen inneren Prozess durchlebt, an dessen Ende er sich wieder elastisch zu öffnen lernt. Eine Salbei-Urtinktur wirkt bei Halsentzündungen kühlend und unterstützt den Patienten dabei, auf seelischer Ebene aufnahmefähiger zu werden.
„Während der Lebensphase der Gebärfähigkeit wird das Gleichgewicht von Yin und Yang durch die Hormonproduktion aufrechterhalten. Im Klimakterium ändert sich aufgrund einer verlangsamten Hormonproduktion das Yin-Yang-Gleichgewicht. So kommt es zeitweilig zu einem Wärme-(Yang-)Überschuss", erklären die Schweizer Arzneipflanzenforscher Roger und Hildegard Kalbermatten die ausgleichende Heilkraft des Salbeis bei Frauen in den Wechseljahren. Im Klimakterium beginnt für die Frau eine Lebensphase, in der ihre Empfängnisfähigkeit von der körperlichen auf die geistige Ebene übergeht. Wenn ihr dieser Übergang schwerfällt und sie sich „im Schweiße ihres Angesichts" dagegen wehrt, was sich in Form von mehrmals täglich auftretenden Hitzewallungen zeigen kann, unterstützt Salbei den Prozess, die Persönlichkeit zu erweitern und sich für die zweite Lebenshälfte und für neue Interessen und Aufgaben zu öffnen.
Im Indischen bedeutet das Wort „Wechseljahre" übersetzt: „Endlich keine Kinder mehr". Viele Frauen, denen der Übergang von der körperlichen zur geistigen und lebenspraktischen Fruchtbarkeit in beispielhafter Weise gelungen ist, sind zu Beginn der Wechseljahre noch einmal richtig „durchgestartet", darunter Politikerinnen wie Golda Meir und Indira Gandhi oder Schriftstellerinnen wie die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren und die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison.
Hitzewallungen können im psychosomatischen Verständnis ein Indikator dafür sein, dass man im „alten Programm" von Menstruation, Eisprung, Schwangerschaft und Geburt steckengeblieben ist. Salbei, dessen Blattgestalt eine nach oben, also zum Himmel und damit zum Geistigen geöffnete Geste aufweist, kann auf der körperlichen Ebene Hitzewallungen zum Abklingen bringen, weil er in einer tieferen Schicht die Aufnahmefähigkeit der Frau für geistige Aufgaben fördert und darüber einen Prozess innerer Weiterentwicklung anregt, der in eine neue Art von Fruchtbarkeit münden kann – sei sie philosophischer, politischer, sozialer oder sonstiger Natur.
Der Volksmund kennt den Begriff Angstschweiß oder auch schweißen im Sinne von bluten/ausbluten. Menschen, die stark schwitzen, verlieren ständig Lebenssaft und Lebenskraft. Möglicherweise schwitzen sie vor Anstrengung, weil sie ihr Leben als sehr belastend empfinden. Oder sie sind ständig unbewusst heiß auf etwas, wissen aber letztlich nicht, worauf sich ihr Verlangen bezieht. Salbei vermittelt auch hier die Fähigkeit, sich zu öffnen und die Aufnahmebereitschaft für neue Lebensinhalte zu verbessern. Wenn Menschen zu kaltem Schweiß neigen, steht oft ein Angstthema im Hintergrund. Die Empfänglichkeit für spirituelle Erfahrungen zu wecken, kann in solchen Fällen das Urvertrauen stärken und die Angst und damit auch den Angstschweiß abbauen helfen.
Wer zu heißem Schweiß neigt, kann sich mithilfe von Salbei die innere Hitze bewusst machen – Momente von Überanstrengung wahrnehmen lernen und sich für Weiterentwicklung und Engagement auf einer höheren Ebene öffnen.
Die im Salbei enthaltenen Gerbstoffe stehen im Zentrum der schweißhemmenden Wirkung, da sie auf den Organismus allgemein straffend wirken und verquollenes, überwässertes Gewebe neu formen. Da die weibliche Brustdrüse ebenfalls eine Art Schweißdrüse ist, unterstützt Salbei das Abstillen und reduziert eine übermäßige Milchabsonderung.
In der Humoralpathologie, einer in der Antike wurzelnden und bis ins 19. Jahrhundert anerkannten Krankheitslehre von den Körpersäften, ihrer richtigen oder fehlerhaften Mischung und Zusammensetzung, gilt Salbei als eine Heilpflanze, die warm im ersten und trocken im zweiten Grad ist. Daher besitzt sie die Fähigkeit, „übermäßige Feuchtigkeit zu trocknen", was – aus der Sprache der alten in die neue Medizin übersetzt – bedeutet, dass diese Pflanze in der Lage ist, Entzündungen entgegenzuwirken und eine übermäßige Schweißbildung zu dämpfen. Auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist der Salbei wohlbekannt und wird dort bis heute wegen seiner trocknenden, zusammenziehenden, antiseptischen, wundheilenden und tonisierenden Fähigkeiten hoch geschätzt. Man setzt ihn unter anderem ein bei Nässe-Schleim, der die Lunge verlegt sowie hauptsächlich zur Tonisierung von Lungen-Qi und Wei-Qi bei Atemwegsinfekten, Rachen-, Mandel- und Kehlkopfentzündungen und Lungenkatarrh, außerdem gegen Schwitzen bei geringster Anstrengung, zum Abstillen und zur Wundheilung. In beiden Kulturkreisen, dem chinesischen und dem europäischen, wurden für Salvia officinalis praktisch die identischen Indikationen entdeckt und Salbei mit gutem Erfolg bei allen oben genannten Krankheitsbildern und Beschwerden eingesetzt.
Salbei gibt es in vielerlei Darreichungsformen: von der Lutschtablette über den Tee bis hin zur Tinktur. Wer nicht nur die pharmakologischen, auf die körperlichen Symptome zielenden, Heilwirkungen dieser Arzneipflanze nutzen möchte, sondern auch ihr psychotropes, auf das In-Gang-Setzen von seelischen Entwicklungen zielendes Potenzial, arbeitet am besten mit einer pflanzlichen Urtinktur, die unter Vermeidung hochtouriger industrieller Herstellprozesse in Handarbeit hergestellt wurde. Nur dann ist gewährleistet, dass Wesen und Lebensenergie einer Pflanze in der Arznei enthalten bleiben und die Kraft besitzen, in der Psyche des Patienten innere Prozesse in Gang zu setzen. Diese hohe Arzneimittelqualität findet sich beispielsweise in den pflanzlichen Urtinkturen des Schweizer Herstellers Ceres Heilmittel AG. Ebenfalls ganzheitlich, wenn auch in anderer Weise, wirken Arzneimittel anthroposophischer Heilmittelhersteller wie Weleda oder Wala.
Aufgrund „seiner reichhaltigen Nutzung in Geschichte und Gegenwart und dem großen Potenzial für die weitere Forschung" hat der Studienkreis Entwicklungsgeschichte an der Universität Würzburg in den ersten Tagen dieses Jahres den Gartensalbei, Salvia officinalis, zur Arzneipflanze des Jahres 2023 gekürt. Damit haben sie die Aufmerksamkeit auf eine Pflanze gelenkt, die zu den ältesten und wichtigsten Heilmitteln der Pflanzenheilkunde gehört – nicht nur in Europa.
Margret Rupprecht
Sie hat Griechisch, Latein und Germanistik studiert und war anschließend mehrere Jahre als Verlagslektorin für Alte Sprachen tätig. Ihre Ausbildung zur Heilpraktikerin hat sie an der Josef-Angerer-Schule in München absolviert und 1996 ihre eigene Praxis eröffnet. Seit 1997 schreibt sie als Medizinjournalistin zu Themen der Naturheilkunde. Ihre Schwerpunkte sind Komplexhomöopathie, Pflanzenheilkunde, Psychosomatik, Ernährungsberatung, orthomolekulare Medizin, Balneo- und Hydrotherapie.
Quelle: Naturheilpraxis – Fachzeitschrift für Naturheilkunde, 76. Jahrgang, Juni 2023, S. 57–60.
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