Matthias Plath · 6. Juli 2026

Noch vor Sonnenaufgang beginnt die Reise ins Tessin zur Ernte der Passiflora incarnata. Produktionsleiter Matthias Plath nimmt uns mit auf einen Tag, an dem Sorgfalt, Erfahrung und der richtige Zeitpunkt über die Qualität des frischen Pflanzenmaterials entscheiden.
Früh am Morgen geht es los. Die Sonne erhebt sich gerade über den Horizont, als ich in Kesswil in den Kleintransporter steige. Bereits am Vortag habe ich das Fahrzeug mit allem beladen, was ich brauche. Jetzt ist der Laderaum bis unter das Dach mit unseren bewährten grünen Erntekisten gefüllt. Die Fahrt führt mich an diesem Julimorgen in Richtung Süden, ins Tessin zu unserer Passionsblume (Passiflora incarnata).
Unser Anbaupartner vor Ort und ich haben uns seit zwei Wochen intensiv ausgetauscht und anhand von Bildern gestern gemeinsam entschieden, dass die Pflanzen nun erntereif sind. Der optimale Erntezeitpunkt ist ein wichtiges Kriterium für die hohe Qualität unseres Rohmaterials. Passiflora ist eine jener wenigen Pflanzen, die wir nicht so intensiv persönlich in der Wachstumsphase begleiten können. Sie würde sich nicht in der gewünschten Qualität vor Ort am Bodensee kultivieren lassen. Deshalb wird sie weiter südlich, im Kanton Tessin, angebaut, wo sie sich deutlich wohler fühlt.
Grundsätzlich lassen sich viele Arzneipflanzen auch ausserhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes kultivieren. Entscheidend ist jedoch, mit welchem Aufwand dies geschieht und wie sich der Standort auf ihre Qualität auswirkt. Für Ceres steht fest: Die Pflanzen sollen sich im Freiland entwickeln und sich mit Sonne, Wind, Regen und den wechselnden Bedingungen ihres Standortes auseinandersetzen. Nur so können sie gemeinsam mit ihrer Umgebung «erwachsen». Passiflora stammt ursprünglich aus dem südlichen Nordamerika und gehört zu den wenigen kälteresistenten Arten ihrer Gattung. Im warmen Klima des Tessins findet sie Bedingungen vor, unter denen sie sich im Freiland optimal entwickeln kann.
„Unsere Pflanzen sollen sich an ihrem Wuchsort mit allen Umweltfaktoren auseinandersetzen und mit diesen gemeinsam erwachsen.“
Matthias Plath, Produktionsleiter Kesswil
Die Bilder, die ich zuletzt erhalten habe, sind vielversprechend. Die Pflanzen blühen üppig und haben sich in den letzten drei Wochen prächtig entwickelt. Zunächst sind sie etwas langsamer gewachsen, haben dann mit den warmen Julitagen kräftig zugelegt. So zeigen sie sich jetzt in voller Vitalität und Blüte.
Zur rechten Zeit hat die Passiflora genügend Niederschlag erhalten. Anschliessend sorgten viele sonnige und warme Tage für optimale Bedingungen. Sie dankt dem guten Wetter und der Fürsorge des Anbauers mit vielen Blüten. Diese spektakulären und aussergewöhnlich schönen Blüten mit ihrem komplizierten Aufbau fallen direkt ins Auge.
Wer sich Zeit nimmt, die Blüte genauer zu betrachten, entdeckt eine erstaunliche Architektur aus konzentrischen Kreisen. Weisse Kron- und grüne Kelchblätter, die violett-weiss gebänderte Nebenkrone sowie die weit herausragenden Staubblätter verleihen ihr ihr unverwechselbares Erscheinungsbild. Besonders faszinierend: Jede einzelne Blüte zeigt ihre volle Schönheit nur für etwa einen Tag.
Mit diesen Bildern vor Augen geht meine Fahrt weiter. Sie führt mich durch das Rheintal in Richtung Süden, dann immer höher in die Berge hinauf, bis ich schliesslich den San Bernardino-Tunnel erreiche. Von hier aus geht es wieder hinab ins Tessin, dem Lago Maggiore entgegen, hin zu den Flächen unseres Anbaupartners. Niemand würde eine Pflanze mit solch aussergewöhnlichem Erscheinungsbild in unseren Breiten auf dem freien Feld erwarten. Schliesslich kennt man sie eher aus Gärten in geschützter Lage an Hauswänden oder in Töpfen, die im Winter umsorgt und vor Frost geschützt werden.
Den ersten Kontakt mit Exemplaren der Gattung Passiflora hatten Mitteleuropäer durch die spanischen Missionare. Als diese in die «Neue Welt» kamen, sahen sie in dieser Pflanze ein Zeichen Gottes. Die ungewöhnliche Blüte sollte einen Hinweis auf das Mysterium und die Leidensgeschichte ihres Heilandes geben. Sie meinten unzählige christliche Symbole zu erkennen, die den Leidensweg Christi von der Gefangennahme bis hin zur Kreuzigung symbolisierten. Diesem Umstand verdankt die Pflanze ihren Namen: Passiflora.
Arten der Gattung Passiflora wurden bereits von der einheimischen indigenen Bevölkerung als Nahrungslieferant, aber auch als Beruhigungs- und Heilmittel genutzt. Bereits um 1570 wurde in einer Beschreibung mittelamerikanischer Heilpflanzen auf die Verwendung bei Schlaflosigkeit und Melancholie hingewiesen. Ein spanischer Jesuit betrachtete sie später als gleichwertigen Ersatz für den Hopfen und nahm die Pflanze 1710 in seine «Materia medica misionera» auf. Botaniker und Sammler sorgten dann im 18. und 19. Jahrhundert für eine weite Verbreitung verschiedenster Arten, so dass die Gattung Passiflora heute in allen tropischen und subtropischen Gebieten anzutreffen ist. Bei uns in Europa wird sie vorwiegend in botanischen Gärten und als Zierpflanze kultiviert.
Die Früchte von Passiflora incarnata sind deutlich weniger aromatisch als die Früchte anderer Passiflora-Arten, die wir als Maracuja kennen. Für uns steht ohnehin nicht die Frucht im Mittelpunkt, sondern das blühende Kraut, das wir unmittelbar nach der Ernte frisch verarbeiten.
In voller Vorfreude auf einen schönen Arbeitstag treffe ich noch früh am Morgen an meinem Ziel ein. Die Pflanzen kommen vital und frisch aus der Nacht. Sogleich beginnen wir mit der Ernte. Vorsichtig lösen wir die Pflanzen von ihren Kletterhilfen und legen sie einzeln sorgsam in die Erntekisten.
Schon beim ersten Schnitt erfüllt ein intensiver Duft die Luft. Das Aroma des Krautes ist überraschend kräftig und schwer – fast etwas «kohlig» –, während die filigranen Blüten leicht und beinahe schwebend wirken. Gerade dieser Gegensatz fasziniert mich jedes Jahr aufs Neue. Beim Schneiden tauchen die grossen Blüten immer wieder zwischen den Blättern auf und begleiten den gesamten Ernteprozess.
Ich geniesse diese Stunden: das Erwachen des Tages, die Vitalität und Frische der Pflanzen und ihr Duft.
Matthias Plath, Produktionsleiter Kesswil
Trotz der beachtlichen Menge an Pflanzen verläuft die Ernte jedes Jahr erstaunlich ruhig. Ohne Hektik fügt sich ein Arbeitsschritt an den nächsten. Es entsteht ein Arbeitsfluss, der sich beinahe von selbst trägt – vom ersten Schnitt bis zum Verladen der letzten Kiste.
Nach gut zwei Stunden ist dieses Vergnügen schon wieder vorbei. Die grünen Kisten sind inzwischen gut gefüllt mit rund 200 kg blühendem Kraut, sie werden eingeladen und ich mache mich unmittelbar wieder zurück auf den Weg in Richtung Bodensee. Denn genau diese Vitalität möchten wir in unseren Urtinkturen «einfangen». Ein kurzer Anruf von mir nach dem Abschluss der Ernte mit der voraussichtlichen Ankunftszeit in Kesswil lässt mich schon die Vorfreude der Daheimgebliebenen auf diese spannende Pflanze spüren. Wenig später beginnt in Kesswil ihre frische Verarbeitung – genau dafür hat sich der frühe Aufbruch gelohnt.
Ceres Produktionsleiter, Leiter Pflanzenqualität, Fachautor
Seit über zwei Jahrzehnten bei Ceres prägt er die Entwicklung und Herstellung der Arzneimittel. Als Experte für Pflanzenqualität stellt er höchste pharmazeutische und naturheilkundliche Standards sicher.
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